
Mitgefahren: Berlin, Dresden und 180 €.Was die meisten Firmen als Praktika bezeichnen, hat man vor 30 Jahren, als ‚Einarbeitungszeit‘ bezeichnet. Und diese waren schon zu ¾ bezahlt.
Sollte ein 28 jähriger Mann oder eine 28 jährige Frau nicht heutzutage -in Deutschland- dazu befähigt werden, das Leben selbstbewusst und mit aller Kraft zu beginnen? Mit einem naiven Stolz freut sich mein Fahrer über einen 180 € Job. In Zeiten der 1,50 € Jobs erduldet man viel.
Tatsache ist, daß seine Praktikantenstelle ein Job ist. Denn, wenn es kein Job wäre, bräuchte seine Firma keinen Diplomabsolventen. (Ein Absolvent hat ein abgeschlossenes Studium). Ein Abiturient, oder eine sozial begründete Stelle für 1,50 € täte es auch. D.h. diese Firma erwartet im Falle meines Fahrers (Politikwissenschaftler), dass er Texte sinngemäß richtig verstehen, politisch und gesellschaftlich einordnen und bearbeiten kann. Selbst wenn er als Politologe Überstunden macht, so verdienen die Putzfrauen in seinem Büro mehr als er. Er wird sich auch nach dem fünften Praktikum kaum das Kantinenessen und den Bus leisten können, aber er freut sich über das Taschengeld wie ein 14 Jähriger auf seine erste Stereoanlage.
Hintergrund: Die Bahnfahrt zwischen Berlin und Dresden, einfache Tour für 40 € ist für Pendler unverschämt teuer. Zum Glück hat sich auf der Strecke eine rege Mitfahrerkultur entwickelt. Man kommt mit Leuten ins Gespräch.
Mein Fahrer war ein ‚Diplompolitologe‘, mit besten Absichten. Ein Europäer, der aus Deutschland kommt und nicht seine eigenen Rechte durchsetzen kann. Ich war für ihn schnell als Bürger, nein besser 'als Leute' entlarvt, denen man das Europa nicht ‚richtig und ausführlich vermittelt‘ hat. „Man muss mit Leuten, wie dir mehr kommunizieren", beharrte er. Dieses Wort 'Kommunizieren' klang für mich wie eine Waffe von Menschen mit weißer Weste.
In dieser Atmosphäre, so hinter seinen Autofenstern, blieb es nicht aus, dass das Gespräch stockte, bis wir endlich doch auf das berufliche Umfeld zu sprechen kamen. Mit 28 Jahren freute er sich jetzt auf ein kommendes Praktikum im redaktionellen Bereich. Er verdiene sogar etwas! 180 € bekommt er für das Praktikum. Naja, nicht viel, aber immerhin. Er könne seinen Eltern jetzt wenigstens sagen, dass er überhaupt mal was verdient. Immerhin bezahlen sie sein Auto. Und er müsse ständig zwischen Berlin und Dresden pendeln. Deshalb nimmt er auch Mitfahrer mit. Angenehme Loungemusik lief dezent im Hintergrund. Ich wollte wissen, sein wievieltes Praktikum ist das eigentlich. Ach, er wisse das nicht so genau, das vierte oder fünfte. In Dresden angekommen zahlte ich meinen 7 € Mitfahreranteil.
In kaum 5-6 Jahren wird dieser Diplompolitiologe ca. 34 sein und gegen Praktikanten konkurrieren müssen. Einschließlich Sozialabgaben will er dann mindestens so teuer sein wie 10 eifrige Praktikanten (a‘ 180 €) zusammen. Wie? Er will mehr als 1.200 netto? Das bedeutet, dass er mehr als 10-mal so produktiv sein muß, wie er als Praktikant vor fünf Jahren.
Könnte es sein, dass Studenten vollkommen ihre Chancenlosigkeit in Hasenstarre aussitzen? Wer sollte für ihre Bezahlung kämpfen, wenn sie es selber nicht tun. Es war übrigens nicht immer so. Es gibt Rechtsberatungen, dafür, was noch als Praktikum gilt oder bereits ein Job ist. (mw)
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