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Nach Albert Walzer hatte unser heutiges Herzmotiv neben der selbstverständlichen Bedeutung der Liebe noch eine weitere. Es ist der Hinweis auf den Lebenszyklus. Er wurde durch Ausschmückungen des Herzsymbols oft gleichzeitig zur Darstellung der Liebe verwendet.
Erstaunlich an der Untersuchung von Albert Walzer ist, dass sich die Wünsche und Liebesbeteuerungen, die mit dem Herzzeichen festgehalten wurden, kaum seit dem 14. Jhr. von den heutigen Vorstellungen unterscheiden. An der Darstellung und den Beifügungen zum Herzzeichen lässt sich erkennen, dass unsere heutige Vorstellung von Liebe und dem Wunsch das Leben mit partnerschaftlicher Zuneigung zu verbringen nicht modern, sondern vielmehr ein alter Hut ist. Neben der christlichen Mystik, den Minneliedern, die die Liebe zu Gott oder die unerfüllte Liebessehnsucht beschreiben, und neben vielen gesellschaftlichen Zwängen hat sich in der Herzsymbolik hartnäckig ein offensichtlich allgemeingültiger Wunsch nach gegenseitigen Herzensgefühlen erhalten. Man kann in diesem Zusammenhang von Glück sprechen. Unsere moderne Einstellung zur Partnerschaft ist also nicht erst in der Romantik erfunden und nicht erst durch die Emanzipation auf unser heutiges Niveau gehoben worden.
Eines ist uns dennoch verloren gegangen. Es fehlt heute, das beruhigende Eingebettet sein in einen natürlichen Lebenskreislauf. Die Herzsymbolik deutet dagegen mit seinen Beifügungen einen natürlichen Lebenszyklus an. Der einzelne Mensch in der durch Liebe gebundenen Partnerschaft ist Teil eines Entstehen-Sein-Vergehen-Neuentstehens. Ein Lebenszyklus, in dem bewusst Zuneigung bzw. Liebe als Voraussetzung für das Fortbestehen von Leben gesehen werden. Was im Christentum die Hoffnung auf das ewige Leben am Jüngsten Tag ist, ist im Herzzeichen gegenwärtige Gewissheit. Ein Blick um uns herum zeigt uns das, worauf andere Religionen nur hoffen können. Es ist das Beteiligtsein an einem ständig lebendigen Wachstum. Es ist die Gegenwart des Lebens, die fortwächst und wenigstens bis zur Gegenwart nicht beendet ist. In der Gegenwart besteht die Herausforderung, sich für den Fortbestand dieses Lebensprozesses einzusetzen. Dieser Satz ist keine Interpretation eines Neuzeitlers, sondern läßt sich durch die Beifügungen zum Herzzeichen ableiten.
Das Zeichen des Herzens wurde einmal für die Zuneigung/Liebe verwendet, aber auch, um das Weitergeben von Leben auszudrücken. Das Leben wurde wie die Fackel von Olympia weitergegeben. Dass die damaligen jungen Leute nicht nur naiv waren, geht aus den Beifügungen hervor, die auch Schwierigkeiten ansprechen. Auch haben sie das Leben und die Liebe eindeutig unterschieden. Der Wunsch, dass beides Hand in Hand gehen möge, war offensichtlich auch vorhanden.
Der Tod wurde oft neben dem Herzzeichen gleichzeitig dargestellt. Hier lässt sich entweder die Aufforderung zum Leben mit Zuneigung/Liebe verstehen. Oder, die Beifügung des Todes zum Herzzeichen kann auch einfach nur als vollständige Darstellung des Lebenskreislaufes gesehen werden.
Zusammenfassend kann gesagt werden: Die Symbolik des Herzens betrachtet den Menschen nicht als ein in die Welt hinausgeworfenes, verlassenes Subjekt. Sondern sie sieht den Menschen eingebunden in einen immer wiederkehrenden Ablauf. Wir sind darin ein Teil eines andauernden immer neu herausfordernden Lebensprozesses.
Nachwort zum Vorwort Okt.2009
Dieser Artikel war einige Jahre offline. Trotzdem wurde er immer noch 1-2 Mal im Monat aufgesucht und verursachte immer eine 'nicht gefundene Fehlermeldung (404)'. Jetzt habe ich den Artikel, wieder hineingestellt -also online- und ich habe ihn nochmals gelesen. Ich garantiere dem Leser, dass ihm der auf den ersten Blick spröde Inhalt im guten Sinne nie wieder aus dem Kopf gehen wird, wenn er sich auch nur 10% des langen Textes aneignet. Die Motive und Bilder versteht man auf den ersten Blick. Warum ist dann der Text so schwierig? Herr Walzer führt einen detektivischen Beweis. Das hat vom Gedankenablauf etwas logisches und schrittartiges. Worum geht es ihm? Er beweist für uns, dass das Herzsymbol hier in Europa (Ost-West-Nord) unser eigenes ursprüngliches kulturelles Erbe unserer Vorväter und Mütter ist. Noch bevor religiöse Weltverbesserer sich dieses Zeichen aus ihrer Brust gerissen haben und an Wände genagelt haben. Noch bevor man uns durch Psychologen auf einen 'Todestrieb und Lustprinzip' verlächerlicht hat, war dieses Herzzeichen in uns verankert. Dies bedeutet auch für Atheisten ein Aufatmen, denen gewisse Personen das moralische Fühlen absprechen.
Wer zu den Glücklichen gehört, über etwas mehr kulturelles Wissen zu verfügen, der kann sogar spüren, wie Herr Walzer um den eigentlichen heißen Brei navigiert. Für den konzentrationsfähigen Leser, möchte ich vorerst folgenden Tipp geben: Achte darauf wie Herr Walzer in seiner Argumentation genau das weglässt, was du schon immer dachtest, woher das Herzzeichen kommt. Immer wenn du denkst, aha, jetzt kommt es, das ewige Geseire, das Geläut von Blech und Macht, genau dann führt uns Walzer mit Leichtigkeit in die frische Luft zurück. Alles was hier schwarz-weiß abgebildet ist, war einmal bunt. Und es ist deshalb so krakelig und schief, weil auch du so krakelig und schief malst und formulierst. Wenn das alles mal Gegenwart war und du das mit deiner eigenen Gegenwart vergleichst, wirst du etwas Fantastisches finden: das Erleben, das Beleben und das Tun. Ja, das klingt unbedeutend. Aber wenn wir es doch so tun würden, ... tun könnten. Wir hätten gelebt. Interessant ist auch das aus dem Herzen wachsene Dreigespann. Hier wird Kultur weitergegeben, ohne sie auszusprechen. Walzer hat uns die Straße gefegt und die Sicht ist frei. Ein Weiterdenken ist möglich. Jetzt ist es auch wieder Google indiziert.
Es gibt vom späten Mittelalter an, besonders aber im 17. und 18. Jahrhundert, eine Fülle volkstümlicher Bildmotive, die das menschliche Herz in Zusammenhängen zeigen, denen unverkennbar andere Vorstellungen von seiner Bedeutung zugrunde liegen, als unsere naturwissenschaftlichen Kenntnisse annehmen lassen. Im Folgenden sollen aus der Vielfalt solcher Motive besonders typische Beispiele zusammengestellt und daraufhin geprüft werden, inwieweit in ihnen alte Ansichten über das Wesen des Herzens weiterleben.

Wir beginnen mit dem Baum, auf dem die Herzen wachsen. Und zwar zeigen wir ihn auf einer Hochzeitsmedaille aus dem späteren 18. Jahrhundert, die 1954 in München versteigert wurde. Ihr heutiger Verbleib ist unbekannt. Wir wissen auch nicht, von wem und für wen sie geschaffen wurde. Sie zeigt keine Wappen und Namen.
Bild 01 Herzenbaum,
Rückseite einer Hochzeitsmedaille,
18. Jahrhundert.
Auf ihrer Vorderseite ist lediglich dargestellt, wie Amor zwei flammende Herzen zusammenbindet und dazu heißt es in der Umschrift: »Was Gott zusam gefvgt.« Die Umschrift um den Baum auf der Rückseite (hier dargestellt) stellt ihn mit den spaßhaft anzüglichen Worten: »Lebt frvchtbar vnd vergnvgt« den Neuvermählten vor Augen. Letzten Endes hat man ihnen damit reichen Kindersegen gewünscht.
Bei Hochzeiten ist dieser Wunsch oft genug mit angebracht oder in anderer Form dargestellt worden. In Schlesien geschah es mit einem holzgeschnitzten Storch, an dem neun oder zwölf, wenn nicht noch mehr Fätschenkender hingen. Er ist in einer »Brautschachtel« übergeben worden, in die meistens noch Kinderwäsche mit eingepackt war. In Baden wurden auf dem Brautkuchen mindestens ebenso viele »Zuckerkinder« oder »Fatschenpoppelen« angebracht. Die Tiroler Braut bekam ähnlich viele Kinderfigürchen in einem Schächtelchen in die »Beschautorte« eingebacken überreicht. Und in Bayern wurden sie in gehöriger Anzahl mit bunten Seidenbändern um das für die Brautleute bestimmte Bierglas gehängt. In der Steiermark und im Burgenland hat man dem jungen Brautpaar dagegen dadurch reichen Kindersegen angewünscht, dass man einen kleinen, künstlichen Baum, einen so genannten »Brautbaum« vor die junge Frau gestellt hat und dazu von einem mächtigen Baum mit vielen Blüten sang. Die Braut sei eine neue Blüte an diesem Baum und solle wieder weitere Blüten an ihm hervorbringen. Ähnliche Lieder müssen auch in Deutschland verbreitet gewesen sein. Möglicherweise hat man, wenn sie gesungen wurden, auch dabei Brautbäume auf den Tisch gestellt.
Aber unser Herzenbaum ist trotz seiner Darstellung auf einer Hochzeitsmedaille kein Stammbaum wie der Baum in diesen Liedern. Am Fuß ist er in weitem Abstand von einem Kranz von Rosen umzogen. Ein Kranz ist wie jeder Kreis ohne Anfang und ohne Ende, somit ohne Öffnung. Also will damit angedeutet sein, dass der Baum letzten Endes unzugänglich ist, weil er wie der Baum im Hesperiden-Garten oder das Schloss, der Baut und die Quelle im Märchen: »Die Schönste der Welt« umhegt und von Tieren bewacht ist, wie der Baum Peridexion im Physiologin von einem Drachen gehütet wird, oder weil er in einem ummauerten Garten mit verschlossenem Tor steht wie der Baum des Lebens in der Mitte des Paradieses (Genesis 2,9), zu dem noch der Baum der Erkenntnis kam.
Auf der berühmten Decke von St. Michael in Hildesheim (nächstes Bild 02 ) ist er rechts vom Baum der Erkenntnis, um den Adam und Eva stehen, dadurch als Lebensbaum charakterisiert, dass aus seinen Blüten die Kinder herauswachsen, durch die sich das menschliche Leben immer wieder erneuert, während er links zugleich als Weltbaum dargestellt ist, über den Christus vom Himmel zur Erde herab und von der Erde wieder in den Himmel zurückgestiegen ist. Mit diesem Ab- und Aufsteigen und seiner dazwischen liegenden Menschwerdung und Passion wollte Christus den Irdischen das ewige Leben sichern.
Bild 02 Sündenfall mit Kinder- und Weltbaum,
Ausschnitt aus dem Deckengemälde von St. Michael in Hildesheim, 2. Hälfte 12. Jahrhundert
Auch der altiranische Allsamenbaum (ohne Bild) ist unzugänglich, nicht weil er umhegt oder ummauert ist, sondern weit draußen im Meer Woruschkasa auf dem Götterberg Hara Burzati steht.
Der allerdings nur noch durch einen Kranz aus Rosen statt durch eine Rosen- und Dornhecke als unzugänglich angedeutete Herzenbaum auf der Hochzeitsmedaille (Bild 01) gehört allem Anschein nach in die Reihe solcher abgesonderter mythischer Bäume, deren Frucht das Leben zu verschönen, verjüngen und verewigen vermochte, oder aus deren Blüten immer wieder neues Leben für die Erde heranreift.
Als Bildbeispiel für den Baum, auf dem sich alles Leben entwickelt, zeigen wir desweiteren eine indische Miniatur aus dem 17. Jahrhundert. (Bild 03 Allsamenbaum indische Miniatur 17. Jhr.) Um den Stamm des Baumes winden sich Schlangen. Wenn jemand bis zum weltfernen Garten mit dem Baum gelangen und sogar über seine Umhegung kommen kann, werden sie es schließlich doch noch verhindern, dass er den Baum ersteigt und bis zu seinen Früchten vordringt. Und diese Früchte sind Menschen und Tiere. Die Menschenkinder sind ausgewachsen. Von den Elefanten, Pferden, Rehen usw. schauen erst die Köpfe aus den Blüten. Ähnliche Vorstellungen müssen auch bei uns Tradition gewesen oder wenigstens bekannt geworden sein.
Bild 03 Allsamenbaum indische Miniatur 17. Jhr.



Ein interessantes Beispiel dafür ist leider nur noch aus Resten zu erschließen. Kyriss hat seinerzeit auf zwei ledergepresste Buchdeckel aufmerksam gemacht macht - der eine davon befindet sich in der Leipziger Universitätsbibliothek, der andere im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg - zu deren Ornamentierung seines Erachtens eine verlorengegangene Kupferstichplatte von Meister E.S. als Matrize benützt worden ist.
Beim einen ist das flächenfüllende Rankenwerk nach links, beim anderen nach rechts gekehrt und in den eingerollten Zweigen sitzen jeweils ein Vogel oder ein Vierfüßler, einmal auch ein Mensch. Das legt die Vermutung nahe, dass es sich bei dem zugrunde gelegten Kupferstich um eine letzten Endes dem Allsamenbaum entsprechende Darstellung gehandelt hat, von der aber nur Ausschnitte aus ein gegenständig angeordneten Rankenwerk der Baumkrone mit ihren Früchten für die Einbandverzierungen benützt worden sind. Die Richtigkeit dieser Vermutung wird dadurch bestätigt, dass man beim genaueren Zusehen auf der einen Hälfte unten noch einen Drachen entdeckt, der einmal an Stelle der Schlangen in der indischen ,Miniatur mit einem zweiten Drachen auf der anderen Seite vom Stamm zusammen den Baum bewacht haben wird.
Als Beispiel für die Darstellungen, die lediglich die Herkunft der Menschen aus dem Welt- und Lebensbaum betonen, zeigen wir als nächstes das Kinderbaumbild (nächstes Bild 6) auf einem aus dem 17. Jahrhundert stammenden Gebäckmodel im Württembergischen Landesmuseum Stuttgart.
Eine Frau, wahrscheinlich die Hebamme, schüttelt einen Baum, dessen -Äpfel sich zu Kindern auswachsen. Während sich links am unteren Rand der Baumkrone ein Apfel eben erst in ein Kindergesichtchen umzuwandeln beginnt, hängen rechts drüben mit dem Kopf nach unten zwei Kinder, die bereits völlig ausgereift und sogar gleich in Wickel verpackt sind. Ein drittes ist in dieser Weise gebrauchsfertig gemacht beim Schütteln schon vom Baum gefallen. Gelegentlich wachsen die Kinder auch sofort in größere Buben- und Mädchenkleider hinein. Etwas älter, sind sie leichter vollends aufzuziehen.
Diese Auswachsen ist bei unserem Herzenbaum der Münze (Bild 01) nicht mit angedeutet.

Bild 06 Backmodel, 2. Hälfte 17. Jahrhundert,
Württembergisches Landesmuseum, Stuttgart
Und das muss aus einem bestimmten Grund geschehen sein, denn auf einem Gebäckmodel aus dem frühen 19. Jahrhundert, auf dem der Baum zu einem Kletterbaum (Bild 07) geworden ist, wachsen sich die am Gabenring aufgehängten Herzen auch nicht zu menschlichen Gestalten aus. 
Die Amoretten, die sie herabholen, lassen sie durch die von ihnen zusammengeführten Pärchen zu Kindern werden. Wenn diese dann geboren sind, werden sie rasch in die Höschen und Röckchen hineinwachsen, die mit am Gabenring hängen und deutlich genug beweisen, dass die Herzen tatsächlich als Zeichen beginnenden Lebens aufgefasst wurden, nicht einfach nur als Früchte vom Baum, aus denen dann Amor immer wieder zwei heraussucht, die er wie die beiden auf der Vorderseite unserer Hochzeitsmedaille eng zusammenbindet.
Bild 07 Kletterbaum mit Herzen, Backmodell, 19. Jahrhundert, Privatbesitz
Welche Bedeutung dem Herz für die Entstehung des Lebens im Menschen vor dem Mittelalter beigemessen wurde, zeigt sich sogar schon in der kurzen Formulierung von Plinius (23-79 nach Christus), der es in seiner Historia naturalis (XI37,69) als entscheidenden Grund für das Leben und als dessen Ursprung bezeichnet hat (ut pariat praecipuam vitae causam et originem primam). Man wird allerdings prüfen müssen, wie er das genauerhin verstanden hat, ob er damit sagen wollte, zuerst entsteht im Mutterleib das Herz des Kindes und das Herz lässt dann den Körper sich entwickeln, oder ob er nur andeuten wollte, dass der Körper erst durch das Herz zum Leben erweckt wird. Die Formulierung von Plinius ist vermutlich dadurch bedingt, dass er das Herz als Sitz der Seele ansah. Längst vor ihm hat das Aristoteles schon getan, für ihn war die Seele die Wesensform des Körpers, die ihm die besondere Gestalt seines Baus, dazu die eigene Weise seines Wirkens gibt und ihn entsprechend belebt. Dass die Seele den Körper in seiner Gestalt bestimmen soll, kann natürlich ohne weiteres zu der Auffassung geführt haben: Zuerst ist die Seele und ihr Gehäuse, das Herz, da, dann kommt noch der Körper dazu. Das wird auch die Meinung von Plinius gewesen sein. Aber Aristoteles kann statt von einem solchen Nacheinander natürlich auch davon ausgegangen sein, dass mit der Seele und dem Herz auch der Körper seinen Anfang nimmt, dass er aber gleich von Anfang an durch die Seele in seinem Wachstum bedingt wird. Die mittelalterliche Scholastik hat sich auch in ihrer Vorstellung vom Wesen der Seele durch Aristoteles beeinflussen lassen. Vom Konzil in Vienne ist jedenfalls 1311 bestätigt worden: »anima est forma corporis.« Aber wie dann vom Durchformen des Leibes durch die Seele die Rede war, ist dabei weit mehr als an sein organisches Wachstum an seine »Beseelung« gedacht worden. Er soll vor allem zu einem lebendigen Ausdruck sittlichen Seins werden. Dabei hat sich das Konzil von der Überlieferung, dass die Seele im Herzen wohnt, distanziert. Sie sei ganz im ganzen Körper und ganz in jedem seiner Teile. Es steht aber fest, dass die volkstümliche Meinung die Seele auch nachher noch im Herzen vermutet hat. Sogar im berüchtigten »Hexenhammer«, der zwischen 1487 und 1669 nicht weniger als neunundzwanzigmal gedruckt worden ist, wurde kein Anstoß daran genommen, obwohl die beiden Verfasser Institoris und Sprenger fanatische Inquisitoren waren. Sie verglichen die Seele mit einer Spinne, die in der Mitte ihres Netzes jede Berührung ihres Gespinstes empfindet. Genauso müsse die Seele in der Mitte des Körpers, im Herzen, wohnen. Als Wohnsitz der Seele hat das Herz also nach wie vor als Ursprung und Triebkraft körperlichen Wachstums und Lebens gelten können. Konrad von Megenberg, der die Seele zwar nur noch zur einen Hälfte im Herzen, zur anderen im Hirn lokalisiert, hat in seinem um 1550 geschriebenen »Buch der Natur« jedenfalls ähnlich wie Plinius betont, das Herz sei »ein anvanch des lebens« und dann sagt er noch genauer, es sei »der anvanch einer ieglichen regung«. Das Herz sei überhaupt ein »schatzlädlein des lebens«. Für unseren Zusammenhang ist noch wichtiger, dass 1594, Tabernaemontanus in seinem »New Artzney Buch« ausdrücklich erklärt, »Das Hertz seye das erst stück vnd glied, so in allen lebendigen körpern geformt werde«. Ob er das nun noch in der Meinung, das Herz wäre das Gehäuse für die als Wesensform des Körpers gedachte Seele so formuliert hat, oder weil das Herz für ihn schon eine Art lebensspendende Blutpumpe war, brauchen wir hier nicht zu entscheiden. So viel ist jedenfalls sicher, der Herzenbaum zeigt deswegen nur Herzen, nicht auch noch wie sie sich zu Kindern auswachsen, weil man damit den entscheidenden Anfang des Lebens gesondert betonen wollte.
Mit dem Herz, aus dem ein Dreispross wächst, ist angedeutet worden, dass es auch für die Fortpflanzung des Lebens entscheidend war, nicht nur für seinen Anfang.
Es gibt zwei Hauptformen dieses Dreispross-Motivs: Als Beispiel für die eine verweisen wir auf einen geschnitzten und bemalten Bauernschrank von 1821 aus Alzach im Tiroler Volkskundemuseum in Innsbruck 1821 (Bild 08). Auf den beiden abgeschrägten Eckfeldern ist oben jeweils kerbschnittartig eine große Herzform dargestellt, die auf einem gemalten Zweig zwischen zwei tulpenartigen Blüten als Frucht herauswächst. Aus dieser herzförmigen Frucht wächst dann oben wieder ein Dreispross, aber zunächst sind es nur drei Blätter mit zwei Blüten dazwischen.

Bild 08 Bauernschrank 1821,
aus Alzach im Tiroler Volkskundemuseum Innsbruck
Die dritte, die sich dann zur Frucht entwickelt, hat sich noch nicht herausgebildet. Der Sinn des Motivs ist klar : Das Herz lässt neues Wachstum entstehen, in dem sich das Leben der vorhergehenden Generationen weiter vererbt. Das passt zu der Tatsache, dass solche Kästen von der jungen Frau als Heiratsgut mit ins Haus gebracht wurden und dass sich das Motiv auch auf den in der Schwalm benützten besonderen Stühlen für die Brautleute findet.

Bei der anderen Grundform fehlt der Hinweis, dass das Herz selbst auch schon aus einem Dreispross aufgewachsen ist. Sie betont lediglich, es führt zu neuem Leben. Dazu ein Beispiel
(Bild 09 Wochenbettvorhang, Mähren, 1831)
auf einer 1831 gestickten Bordüre, die bezeichnenderweise von einem Wochenbettvorhang stammt und damit zur Genüge beweist, dass der Sinn solcher Motive auch damals noch genau verstanden wurde, vielleicht nicht überall, aber zumindest in Mähren, wo die Stickerei entstanden ist. Übrigens wiederholt sich das sprießende Herz auch auf dem Vorhang selber soundso oft. Der ursprüngliche Dreispross ist dabei allerdings sechs- und siebenblütig geworden. Auf der gezeigten Bordüre verzweigt er sich sogar in acht paarweise gleiche, gegenständig angeordnete Blumen, die dann noch von einer neunten überragt werden. Wie der Zahl Drei sind auch ihrer Verdoppelung, der Zahl Sechs, vor allem aber der Sieben und Neun besondere Wirkkraft zugeschrieben worden. Es sind »heilige« Zahlen, die die Vermehrung der Blüten bedingt haben. Das Motiv ist also keinesfalls nur aus Unkenntnis seiner ursprünglichen Bedeutung verändert worden. Auffällig ist lediglich, dass oben keine Frucht mit dargestellt ist. Sonst besteht der Dreisproß oft genug aus einer Knospe, einer offenen Blüte und einer Frucht in der Mitte.
Auf einer elfenbeingeschnitzten »Paxtafel« (Bild 10) aus dem späten 15. Jahrhundert im Museum der Stadt Gent zeigt die aus einem Herz aufwachsende Lilie zwar auch nur zwei Knospen und drei offene Blütenkelche, aber aus dem mittleren wächst ein Brustbild Mariens heraus, die das göttliche Kind in ihren Armen hält. Damit ist deutlich genug betont, dass die Blüte Frucht bringt. Es ist eine Lilienblüte, weil Maria auch in ihrer Empfängnis und Mutterschaft makellos rein geblieben ist. Ihre mit dem Herz und dem daraus aufwachsenden Liliensproß symbolisierte Lebenskraft hat in ihrem Leib an den Gott, der zum Heil der Menschen selbst Mensch werden wollte, menschliches Leben weiter vererbt.

Ihr Herz ist die Wurzel für diese fortwirkende Lebenskraft. Deswegen ist das Herz auch mit Wurzeln dargestellt. Vielleicht sollen sie aber auch andeuten, dass das von Maria weiter vererbte menschliche Leben auch schon von menschlichen Vorfahren ererbt ist. Das Stadtmuseum in Friesach, Kärnten, besitzt einen im 18. Jahrhundert entstandenen Lebkuchenmodel (ohne Bild), auf dem der aus dem Herzen aufwachsende Dreisproß zunächst zwei Blüten getrieben hat, in denen sich der Bräutigam und die Braut zeigen, während die höher gewachsene Blume dazwischen zu einem Wickelkind wird. Das Herz ist also wieder deutlich als Sitz der Lebenskraft veranschaulicht, die zur Fortpflanzung führt und alles neue Leben bedingt.
Wenn das Herz aber zur Symbolisierung der von ihm ausgehenden, sich fortpflanzenden Lebenskraft mit einem aus ihm aufwachsenden Dreisproß dargestellt wurde, muss es letzten Endes als Gefäß angesehen worden sein, in dem das Blut den Menschen ebenso am Leben erhält und seine Lebenskraft weiterwirken lässt wie das Wasser in der Vase die eingesteckten Zweige am Leben erhält und sich ausblühen lässt. Gelegentlich ist schon vermutet worden, der sonst in eine Vase gesteckte Dreispross würde den Lebensbaum und die Lebenswasserquelle darunter symbolisieren. Dass auf der Bordüre des mährischen Wochenbettvorhangs von 1851 oben auf dem aus dem Herzen wachsenden Blumenspross zwei Vögel mit dargestellt sind, erinnert an die Vögel, die die Frucht vom Lebensbaum holen. Oft genug sind wie auf der mährischen Bordüre nur zwei davon dargestellt. All das spricht für einen solchen Vergleich. Aber dann ist auch das Herzblut mit dem Lebenswasser verglichen worden. Dass man ihm im Zusammenhang mit unserem Motiv eine besondere Bedeutung beigemessen hat, beweist schon der Wortlaut eines 1617 niedergeschriebenen Segensspruchs, mit dem man ausfließendes Blut zu stillen versucht hat,: »Es giengen auss 3 gilgen (Lilien) guot sie giengen Gott dem Herrn auss seinem hertzen, dass erst ist sein Tugent, dass andere sein Mugent (Vermögen), dass dritt ist sein Will, also guot, stand still, du wildes bluot.«
Ist das Herz also als Bildsymbol für das Leben benützt worden und hat man damit dessen Anfang und die von ihm ausgehende Kraft es fortzuführen angedeutet, ja sogar seine Weitervererbung, so braucht es nicht Wunder zu nehmen, dass man schließlich dem den Tod verkörpernden Knochenmann ein Herz in die Hand gegeben hat und ihn damit noch besonders als denjenigen charakterisieren wollte, der dem Mensch das Leben wegnimmt. Wir zeigen (ohne Bild) als Beispiel eine 1583 datierte Federzeichnung des Straßburger Glasmalers Bartholomäus Lingg (Link) im Berner Kunstmuseum. Angeblich soll der modische Kavalier, den er darauf einem Totengerippe gegenübergestellt hat, ihn selber darstellen. Ob das wirklich stimmt, brauchen wir hier nicht zu entscheiden. Wesentlich ist, dass mit den Inschriften der Spruchbänder über beiden Gestalten letzten Endes betont wird : Es mag einer noch so blühend und nobel aussehen, zuletzt bleibt von ihm doch nichts anderes als ein solches erbarmungswürdiges Knochengerippe übrig. Seit dem späten Mittelalter finden sich immer wieder Darstellungen, die in ähnlicher Weise die Vergänglichkeit aller Jugend und Schönheit demonstrieren sollen. Bilder von Liebespaaren zeigen auf der Rückseite der Tafeln, was schließlich von ihnen übrig bleiben wird. Bis ins l9. Jahrhundert gibt es noch entsprechende, volkstümliche Bildblätter. Lingg schrieb unter sein Bildchen: »Herr dier leb ich, dier sterb ich Din bin ich dot vnd lebendig« und hat damit klar zu erkennen gegeben, dass er sich vor der Vergänglichkeit allen Seins nicht fürchtet, weil er sich gläubig auf Gott verlässt. Soweit ist sein Bildchen für unseren Zusammenhang kaum von besonderem Interesse. Aber er hat über den Hinweis auf die Vergänglichkeit hinaus das dem Kavalier gegenübergestellte Totengerippe mit einem abgelaufenen Stundenglas und einem Herzen als Symbol des Lebens, das er den Menschen raubt, zugleich als den Tod selber charakterisiert. Vermutlich war er sich der Doppelrolle des von ihm dargestellten Totengerippes gar nicht bewußt. Er wird den Knochenmann mit den beiden Attributen einfach von einer ihm bekannten Darstellung des personifizierten Todes übernommen haben. Ob seine Vorlage den Tod im Rahmen einer totentanzähnlichen Gruppe und damit in einer dramatischen Schilderung, wie er dem zum Sterben Bestimmten das Herz wegnimmt, gezeigt oder ihn allein, nicht in eine Szene einbezogen dargestellt hat, wissen wir nicht. Aber im letzteren Fall wäre seine Ausstattung mit den beiden Attributen, der abgelaufenen Uhr und mit dem geraubten Menschenherzen besonders verständlich.
Weitaus die meisten Herzmotive bringen das Herz mit der Liebe in Verbindung. Zunächst eine Bildgruppe, die einfach besagt, die Liebe bringt die Paare zusammen, damit sich durch sie das Leben weiter vererbt. Dazu zeigen wir eine Netzstickerei aus den Vierlanden im

Bild 11 Netzstickerei aus den Vierlanden, ca. erste Hälfte des 18. Jhr
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