Donnerstag, Juli 29, 2010
Social MagazinHerz in der Naturphilosophie
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Das Herz in der Naturphilosophie
Herz in der Naturphilosolhie Teil 2
Herz in der Naturphilosolhie Teil 3
Herz in der Naturphilosolhie Teil 4
Herz in der Naturphilosolhie V.Schlußwort
Vorwort:
Die nächste europäische Sonntagsrede kommt bestimmt. Doch es gibt keinen Grund, dass 'irgendwer' die Moral pachtet. Der nachfolgende Aufsatz über ‚Das Herz in der Naturphilosophie' weist die Wirkung von AristotelesDenken auf das christliche Abendland nach.Dabei wird der Mensch als weiterentwickelte Pflanze gesehen und das Herz stellt den Mittelpunkt dar. Man erkennt, wie die christliche Mythologie das aristotelische Gedankengebäude bzw. eine volkstümliche Symbolik des Herzens als Mittelpunkt und Keimzelle des Lebens übernommen hat.

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Den interessierten Leser wird es aber leider nicht gelingen, allein mit Aristoteles' Begrifflichkeit eine lebendige Herzsymbolik zu entwickeln. Denn Aristoteles ist nicht stellvertretend für die Vielfalt der vorchristlichen Vorstellungen. Einerseits hat er in einer bereits stark patriarchalischen Gesellschaft gelebt, in der Frauen und Sklaven den Tieren gleichgestellt wurden. Andererseits ist er durch seine zielgerichtete Logik verantwortlich, dass die Herzsymbolik gleichsam erstarrt ist. Somit ist seine Beschreibung nur ein Fußabdruck.

Interessant ist der Artikel für Leser, die die Argumentationsketten verstehen wollen, die überall in unserer abendländisch christlichen Kultur auftauchen. Würde man die vorchristliche Herzsymbolik aus den Kirchen und Liedern entfernen, ergäbe sich ein grausames Bild.
Eine Symbolik der Vielfalt des Lebens ist natürlich den Kirchenvätern, die auf Frauen verzichtet hatten, verdächtig gewesen. Und so haben sie das menschliche Herzsymbol, zwar mit in das christliche Gedankengebäude aufgenommen, aber auch gleichzeitig als etwas Schlechtes dargestellt. Man entdeckt Malereien, wo sie es zerschneiden, aufspießen, rösten, in Eisenketten umwickeln, zwischen Bretter pressen und der grausamen Einfälle sind hier keine Grenzen gesetzt. Für eine europäische Wertegemeinschaft ist das wenig geeignet.

Die Symbolik des Herzens gab es in der volkstümlichen Darstellung als Glücksbringer und Zeichen des Lebens und in der christlichen erzieherischen Darstellung als barbarisches ungezügeltes Herz. Widersprüchlich war die Kirche immer, wenn sie z.B. Jesus mit demselben Herzen dargestellt hat, was dann aber als Mittelpunkt der Gemeinde zu denken war.

Mit dem Missbrauch der volkstümlichen Begrifflichkeit durch die christliche Rhetorik ist leider das Wissen über die eigene kulturelle Herkunft und damit über lebendige und gewachsene Sichtweisen verloren gegangen. Letztlich ist Europa und der Kirche das Herz verdorrt.
Die eigentlichen Wurzeln sind abgeschnitten. Zensur und Bücherverbrennung sind keine Erfindungen der Neuzeit. Unendliche nicht christliche Schriftstücke sind durch die Kamine der Klöster und Pfarrämter gejagt wurden. Deswegen ist Europa auch ein kulturelles Findelkind.

Das christliche Abendland kennt keine Wertegemeinschaft andersgläubiger und steht für die Religion, die über Jahrhunderte alles Lebendige zum Scheiterhaufen gekarrt hat. Und Grundsätzliches hat sich da nicht verändert: Das menschliche Herz wird bis heute als sündhaft vorausgesetzt. Das Lebensprinzip sieht die christliche Religion, als ein durch die Ursünde schuldiges Wesen, was nur durch Jesus von Schuld befreit werden kann. Es ist so, als würde man die Luft zum Atmen privatisieren, der Kirche übereignen und von dem Subunternehmer Jesus kaufen müssen. Verständlich, dass wir in Europa nicht noch eine zweite Firma, wie den Islam, brauchen können, der alles in Tücher wickelt, was sich bewegt.

Wer etwas Lebendiges finden will, muss sich von dem zentralistischen und zielgerichteten Denken von Aristoteles verabschieden. Denn etwas Lebendiges ist nicht auf etwas Fremdes zielgerichtet. Das Leben ist sich selber Ziel und es erfüllt sich schon durch sein Vorhandensein. Trotzdem gehört Aristoteles zum wichtigsten Baustein der christlichen Religionsvorstellung und auch zum europäischen Selbstverständnis. Mit ihm erhält man einen Bauplan, um den Mischmasch in der christlichen Religion zu sortieren.

Wissenschaftlich und gesellschaftlich gesehen leben wir bereits in einer polytheistischen Welt. Man erzeugt hier keinen Bruch mit der Menschheitsgeschichte. Eher überschreitet man eine dröge Denkpause. Wir verstehen heute unter Wachstum einer Gesellschaft oder einer Person nicht mehr einen feststehenden Bauplan, sondern das Ergebnis der Wirkung verschiedener Kräfte aufeinander. Es gibt keine fertigen Gesellschaften. Demokratie ist das jeweilige Ergebnis der sich verändernden Meinungen. Unsere Gesellschaft ist nicht mehr statisch, wie im schwarzen Mittelalter. Ein neuer Monotheismus, ein Einparteienstaat, ein Königtum, lässt sich heute und genau genommen schon immer, nur durch Gewalt durchsetzen.

Im Aufsatz wird leider nicht der Versuch unternommen, die vielen Verkleidungen zu durchschauen und auf einen tatsächlichen Sinn zu richten. Der Text erinnert daher an ein Inhaltsverzeichnis.

Als wären die ersten 30 Seiten nur eine Pflichtkür gewesen versucht Franz Vonessen erst in seinem letzten Abschnitt dem Begriff Herz einen wirklichen Inhalt nachzuschieben. Auch er verwendet dazu nicht die aristotelischen oder christlichen Bedeutungszusammenhänge. Doch plötzlich, wo es ihm um eine Bedeutung geht, zitiert er überraschend einen Sonnenhymnus des ägyptischen Königs Echnatons, der Inbegriff von Statik mit dem Vers: Du bist das Pochen in meinem Herzen! Das ist zwar örtlich ziemlich weit hergeholt, und der ägyptische Sonnengott da oben etwas anderes, als das Leben um uns herum und man kann nur hoffen, dass das überhaupt richtig übersetzt und nicht der Phantasie durch einen Ägyptologen mit Sonnenbrand entsprungen ist. Lassen wir es als guten Versuch und Neudichtung stehen, denn hier wird nicht das Herz als Zweck sondern als Vorgang beschrieben, als das, was Pochen macht. Das wäre z. B. eine mögliche Beschreibung des Herzens in einer Naturphilosophie, ein Zeichen, das etwas lebt.

Aristoteles‘ Beschreibungen sind zwar nützlich, aber erwecken nicht etwas Fühlbares. Der christliche Zaubertrick -du musst nur dran glauben, dann stimmt es- erzeugt wie immer wenig Erkenntnis.
Schlussendlich: Offensichtlich ist der Schatz noch nicht gehoben.

m.w. / 2009

FRANZ VONESSEN: Das Herz in der Naturphilosophie

Eine Lehre vom Herzen hat sich in der Philosophie vor allem auf zwei Gebieten entfaltet, in der Physiologie (im ältesten Sinn dieses Wortes) und in der Kosmologie. Die Letztere hat kühne Analogien zwischen Herz und Sonne entwickelt, die in den Makrokosmos Spekulationen zu unvergleichlicher Bedeutung gelangt - nämlich einerseits als besondere Inhalte der Religion betrachtet und unverbrüchlich geglaubt worden sind, andererseits auch von wissenschaftlich-heuristischem Wert waren und noch auf die Anfänge der Himmelsphysik, zum Beispiel bei Kepler, entscheidend eingewirkt haben, ja bis in die Naturphilosophie der Romantik bedeutend geblieben und noch im Werk eines Julius Robert Meyer nachweisbar sind. Aber diese Überlieferung vom »kosmischen Herzen« darf uns hier nicht interessieren; denn es ist uns ja um den organischen Aspekt des Herzens, um das Herz im Leib zu tun - ein Anliegen, das schon die ersten Physiologen geführt hat und das während vieler Jahrhunderte in einer Art platonischer Naturbetrachtung verfolgt worden ist: Wenn alle Organe Wiederholungen, Abbilder, ja Residenzen jener Prinzipien sind, die das gesamte irdische Leben bestimmen, dann muß im Herzen das »centrum naturae« anwesend sein.
Nun bedurfte es aber nicht erst der Wissenschaft und Philosophie, um ein Verständnis der Natur zu erreichen. Alle großen Gedanken, an denen die Naturforscher während zweitausend Jahren gearbeitet haben, sind älter als Sophistik und Aufklärung; ja, sie lagen schon vor, ehe die Menschen sich eine feste Form des Wissens und der Wissensgewinnung erarbeitet hatten. Nur gab es sie eben nicht in begrifflich geklärter Form, sondern als anschauliche Vorstellungen, die zwar keine abstrakte Prägnanz, wohl aber Sinn und Zusammenhang hatten. Das gilt zunächst für die Lehre vom Menschen als Abbild des Kosmos, die ja, als Mikrokosmoslehre, das »Herzstück« der Naturphilosophie bis zur Romantik hin bildet, und deren fundamentale Bedeutung für den Mythos nur der Unkundige abstreiten kann; es gilt aber auch für die zahllosen einzelnen Lehrstücke, die sich aus diesem Gesichtspunkt ergeben, zum Beispiel eben für die Lehre von Wesen und Bedeutung des organischen Herzens. Von jedem der drei großen Begriffe, die die Naturphilosophie zum organologischen Verständnis des Herzens beigebracht hat, läßt sich eine kosmologische und mythologische Wurzel angeben, ohne die er einfach nicht gedacht werden kann.
Was der kosmologische Rahmen für die Philosophie der Natur in der Antike und bis zur Neuzeit bedeutet, kann schlechthin nicht überschätzt werden. Und weil am Anfang der Naturphilosophie eine überragende Persönlichkeit stand, der es gegeben war, nahezu die ganze ältere Naturanschauung und Naturkunde in Begriffe zu fassen und das herrschende Naturbild auf ein wissenschaftlich-lehrhaftes Niveau zu erheben, ist dieser eine Mann, Aristoteles, für uns der Brennpunkt, aus dem sich - zwar nicht alle einzelnen Ideen und Vorstellungen, aber alle historisch bedeutend gewordenen Züge der philosophischen Herzlehre ableiten lassen. Noch Harvey fand eines der wichtigsten Argumente für die Blutzirkulation in der mikrokosmischen Anwendung einer Lehre vom Kreislauf des Wassers, die er aus Aristoteles nahm (und vermutlich sogar nicht nur nach dessen Tierkunde, sondern auch nach der Meteorologie gekannt und benutzt hat), und wenn man weiterhin sieht, dass noch Jan de Wale Harveys These nicht bloß durch fleißiges Zitieren der alten Philosophen zu verteidigen suchte, sondern gerade auch seine physiologischen Argumente in unverhältnismäßig großer Zahl aus den alten und ältesten Herzlehren zog, begreift man, dass die Wahrheit nicht gar so jung ist, wie historisch unerfahrene und zudem fortschrittsgeblendete Naturforscher gelegentlich meinen. Auch sie kehren in Begriffen und Bildern, mit denen sie die letzten und allgemeinsten Erkenntnisse ihres Überlegens und Forschens ausdrücken wollen, oft genug auf jahrtausendealte Formeln zurück. Mit Leopold Ziegler zu sprechen: Wie viele Theoretiker der modernen Naturwissenschaft enden nicht, »durch die gewaltige Logik der Umstände«, darin, auf der ihnen eigenen, schwindelnd hohen Stufe abstrakter Begrifflichkeit zuletzt doch wieder die ältesten, urtümlichen Bilder in Kraft zu setzen, um ihren Thesen Halt zu verleihen. So ist wohl denkbar, dass nicht alles an der naturphilosophischen Herzlehre, und das heißt zu weiten Teilen: an den entsprechenden Abschnitten der aristotelischen Tierkunde, »vergangen« sein muß. Was Aristoteles vom Herzen sagt, läßt sich auf drei Formeln bringen. Das Herz ist der Ursprung (Arche) der Organe und der Leibesentwicklung. Es ist der elterliche Anteil am Leib des Kindes, das heißt der ausgewachsene Same. Es ist der Angelpunkt (kentron) des Lebens und der seelischen Einwirkung auf die Leibesorgane.

I.

Berühmt ist die Deutung des tierisch-menschlichen Körpers, die Aristoteles gibt. Seine Betrachtungsweise, sein Blick, ist poetisch und metaphysisch zugleich, und gerade durch diesen Umstand hat er der Forschung die Wege gewiesen. Zwar besitzen wir keine Schrift von Aristoteles' Hand, die diese Lehre im Zusammenhang darstellt, vielmehr liegt sie uns in einer großen Reihe einzelner Aussagen vor, die jeweils bloß Teile des Gesamtbildes darstellen; aber in ihrer Tendenz ist sie so geschlossen und so überzeugend und klar, dass sie sich für die theoretische Grundlegung der Organologie als unersetzlich erwies lind demnach trotz ihrer geradezu mythischen Auffassung des Leibes niemals ausgeräumt oder auch korrigiert worden ist, sondern zur -allerdings vergessenen Grundlage und Substanz aller späteren Organlehren wurde. Für Aristoteles sind die höheren Lebewesen verwandelte Pflanzen. Die Pflanze ist die Idee, die dem tierischen Körper »einverleibt« ist. Die äußere Form der Pflanze wird zur Innengestalt, zur Struktur, zum Bauplan des Tieres, die Verwirklichung (Energeia) des pflanzlichen ist zugleich die Anlage (Dynamis) des animalischen Wesens. Dieser Vergleich bietet die Brücke zum Verständnis des höheren Lebens, und schon darum verbietet es sich, ihn oberflächlich zu machen. Zum Beispiel geriete man in die Irre, wollte man das Wurzelhafte des Tiers in Beinen und Füßen und wohl gar in deren Aufgliederungen und Spaltungen suchen. Denn in den Wurzeln verwirklicht sich das Prinzip des Standes, der Beständigkeit und des Bestehens, während die Gliedmaßen Träger und Produkte des gegenteiligen Prinzips, der Bewegungsfähigkeit, sind. Das Stehen auf der Wurzel fällt mit dem Bestehen zusammen, während das Stehen auf Beinen sozusagen etwas Abgeleitetes ist. Die Wurzeln als Primärorgane müssen heim Tier zentral sein; das heißt, sie müssen im Rumpf liegen. Übrigens haben die Wurzeln gerade nicht mit den Füßen, sondern eher mit dem Kopf zu tun; denn in ihnen, als den Organen der Nahrungsaufnahme, prägt sich dasjenige aus, was man als »oben« bezeichnet. In De Anima heißt es: Was der Kopf der Tiere, das sind die Wurzeln der Pflanzen« und » Die Wurzeln sind dem Mund analog; beide nehmen die Nahrung auf. « In der Schrift über die Teile der Tiere wird diese Vorstellung noch differenziert: Der Mund ist nur ein »Tor« für die Nahrung, und die Tiere nehmen »die Höhlung des Magens gleichsam als Erdreich, aus dem sie, wie die Pflanzen mit den Wurzeln, mit irgendeinem Organ die Nahrung aufnehmen.«
Es ist also falsch zu glauben, die höheren Geschöpfe bedürften keiner Verwurzelung mehr; im Gegenteil ist kein »irdisches« Wesen ohne diese Rückbindung an den mütterlichen Boden der Erde zu denken. Fortbewegung als Merkmal höheren Lebens ist nur möglich durch eine »List« der Natur; die höheren Wesen sind umgestülpte oder höhere Pflanzen, in denen die Erde sich gleichsam verinnerlicht hat.Sophia-von-Bylandt
Bild 01 Die Wurzel Jesse Bild 01 Miniatur aus dem Stundenbuch der Sophia von Bylandt,
Meister des Bartholomäus-Altars,
1475 Wallraff-Richartz- Museum, Köln
Dieser orphische Hymnus preist Zeus als den Weltkönig, der den ewigen Kreis der Wiedergeburten regiert, der alle Wesen in sich aufnimmt, jedoch nicht für immer (wie Kronos, der seine Geburten verschlingt), sondern nur so, dass er sie von Neuem ans Licht des Tages emporschickt, sie wiederum das »Licht der Welt« erblicken läßt. Als Herr des Kosmos ist er Haupt, Mitte, Wurzel, erster und letzter; vor allem aber, und zwar gerade als Vater, ist er Herz, und zwar ein Herz, welches Schoß - man vergleiche die Rede von Abrahams Schoß - und gleichwohl auch Sendstätte ist.
Der Magen ist wie ein Blumentopf für die Leibesvegetation. Die Tiere nehmen ihren Erdboden einfach mit auf die Reise und füllen ihn im Maß ihres Bedürfnisses nach: »Sie tragen ihren Nährboden in sich. «Sie können den Ort wechseln, aber nicht so, dass sie sich deshalb »entwurzeln« und von der Erde losreißen müssten; sondern klüger als Antaios, der sterben musste, weil er die Verbindung zur Erde verlor, nehmen sie die Mutter in sich hinein und ändern bloß die Form ihres Wurzelns. Das ist das enthüllte Geheimnis des Kreislaufs der Nahrung.
Welche Stellung hat in dieser Betrachtung das Herz? In der oben genannten Erörterung lautet die letzte Schlussfolgerung, für die Tiere sei der Bauch (der Magen) Erde, und das Werkzeug, mit dem sie aus dieser Erde ihre Nahrung saugen, sei das Gekröse, welches in seinen Adern gleichsam Wurzeln besitzt. Da aber diese Adern, wie alle anderen auch, aus dem Herzen stammen, erscheint hier das Herz sozusagen als der Wurzelballen, die Pfahlwurzel, die sich im Erdraum des Bauches verästelt, auf diese Weise Nahrung gewinnt und sie dann dem übrigen Körper durch die Bewegung des Blutes zukommen läßt.
Damit erhält das Herz eine Ursprungsbedeutung, die Aristoteles konsequent durchdacht und ausgeführt hat. Es ist Ursprung des ganzen Körperwachstums und der Bildung des Körpers. Zunächst ist es Quellpunkt der Adern; denn diese gehen offensichtlich nicht durchs Herz hindurch, sondern aus ihm hervor. Und zwar entwachsen die »große Ader« und die Aorta als erste; alle andern Adern stammen aus diesen beiden, sind deren »Verzweigungen«. Dass aber die Adern sich über den ganzen Körper verteilen, entspricht ihrem Wesen: Dem Herzen gehört das erste Vermögen (demiurgusa dynamis) der Blutbildung, es ist »Anfang und Quelle und erster Behälter des Blutes«; und da dieses wieder »der Stoff des ganzen Körpers« ist, bilden sich aus Blutstoff die Adern, in denen das Blut dann weiterhin läuft, und um die herum sich auch die Glieder und Organe entfalten, die allesamt aus dem Blut entstehen. Insofern geht sogar die Form des Körpers auf das Wachsen der Adern zurück, die »wie ein Entwurf« (oder: »eine Skizze«) für das Fleisch sind, das um sie herumliegt. Mit anderen Worten, das Blut ist nach seiner Anlage Körper und Fleisch, und die kleineren Adern werden sogar faktisch zu Fleisch, obwohl sie dabei ihre Dynamis als Adern behalten. So ist das Blut » von der Art des Urstoffes«, auf jeden Fall aber der Urstoff des Körpers, der aus dessen demiurgischer Quelle, dem Herzen, hervorgeht.
Dieses Hervorgehen hat den Charakter des Reifens; alle Gliederung ist ein Reifungsprozess. Das Herz reift zum Körper, indem es sich nach den Gesetzen des pflanzlichen Wachstums entfaltet. Wie sich die Adern verzweigen, so auch die Glieder. Wenn ein Tier zu viele Glieder bildet, dann sind sie »wie wilde Triebe ausgewachsen«; das heißt, die überschüssigen Glieder sind "Wucherungen". In dieser Weise läßt sich der ganze Körper begreifen; alles an ihm ist vegetativ, ist echter, pflanzlicher Wachstumsprozess. So entspricht das Wachsen der Haare bei Mensch und Tier dem Wachsen der Blätter; und so kommt es auch zu der falschen Analogie, dass die Tiere sich nach dem Winterschlaf wieder dichter behaaren, wie ja auch die Bäume sich im Frühjahr wieder belauben. Ähnlich geschieht es beim Menschen, wenn auch nur einmal im Leben; denn wie die Dichter den Menschen als »Eintagswesen« apostrophierten, so unterscheidet auch der Philosoph am menschlichen Leben die Zeitabschnitte nur eines einzigen, kläglichen Jahres. Wenn das Lebensjahr der Menschen Winter und Sommer, Frühling und Herbst umfasst, verstehen wir, warum sie sich in diesen einmalig unwiederbringlichen Abschnitten dieses Jahres nur einmal mit Haarschmuck belauben.

Über die pflanzlichen Seiten des Körpers und über den vegetativen Charakter des ganzen tierischen Lebens und Wesens bleibt - und zwar gerade vom Herzen her - noch manches zu sagen. Jedoch hängen die beiden ersten Definitionen des Herzens so eng miteinander zusammen, dass sich ihre Bedeutung, ihre Herkunft und Weiterbildung nur gemeinsam darstellen lassen. Die Verwandtschaft der Definitionen des Herzens als Wurzel und als »ausgewachsener Same« bekommt man am leichtesten von der Blutlehre aus zu fassen, wo sich beide Begriffe eng miteinander berühren und etliche Verbindungen eingehen. Wenn das Blut der Stoff des ganzen Körpers ist und diesen der Anlage nach schon enthält, dann ist es offenbar einer Reihe von Verwandlungen fähig, in denen es scheinbar ein immer neues, jedenfalls anderes Wesen gewinnt und dennoch bleibt, was es ist. Die höchste und letzte Wandlungsstufe des Blutes ist der Same. Wie alles mithilfe der Wurzel und aus ihr heraus wächst, so zielt auch alles in gleicher Weise auf Reife, Same und Frucht hin. Darum ist der Same auch das Ende des Wachstums und der Organverzweigung; wie die Wurzeln der Pflanze die Dynamis von Mund und Kopf haben, so stellt der Same ihre Vollendung dar - er wächst »auf den Spitzen der Zweige«. Beim Tier ist das Geschlecht diese Blüte; und da auch wir noch das »Aufblühen« des Menschen in diesem Zusammenhang sehen, fällt es nicht schwer zu begreifen, wie wörtlich Aristoteles seine Aussage meint, das "Samentragen des Mannes" beginne mit der Behaarung der Scham, "wie ja auch nach Alkmaion von Kroton die Blumen erst blühen müssen, bevor sie Samen tragen". Also zuerst kommt die Behaarung, das Laub, vielmehr in diesem Fall der Kranz der Deckblätter; dann folgt die letzte Ausbildung der Blüte und des Samens. Der Same, wie auch die im Weib zu findenden Keime, die der Text gelegentlich mit "vielen Früchten" vergleicht, sind das Endprodukt des Blutes, wie dieses der Nahrung. So sind Blut und Same schwer unterscheidbar. Es gibt eine Ader, die direkt vom Herzen, also vom Blutzentrum, zum Zeugungsglied führt; und der Same selbst ist nichts als "völlig ausgereiftes Blut". So wundert es nicht zu hören, dass beider Wirkungen gleich sind; alles bildet sich, hieß es, aus dem Blut; aber alles bildet sich auch aus dem Samen. Dass alles aus dem Samen hervorgeht, liegt im Begriff; und wenn Aristoteles zusätzlich lehrt, dass alles sich aus dem Blut und mithin vom Herzen her bildet, vor allem eben der Same, so schließt sich ein Kreis, den wir als Kreislauf des Lebens selbst ansehen dürfen. Alles kommt aus dem Samen, das Herz aber entsteht als erstes von allen Gliedern und ist sofort voller Blut; aus diesem reift wieder der Same.



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