Freitag, Mai 18, 2012
LeseRatten Julfest2011

Wintersonnenwende 2011

 Der Tag mit der längsten Nacht gibt uns Gelegenheit, einen Beginn wahrzunehmen. Und auch ein Ende. Was letztes Jahr geschah, wird nie wieder so eintreten. Wir können wahrnehmen wie langsam und unauffällig ein Beginn startet. Man erkennt keinen Unterschied und doch es wird etwas heller, etwas besser. Das dauert viel länger, als ein Lichtschalter zu betätigen. Die Ruhe bei einem winterlichen Sonnenaufgang kann uns Vorbild sein.

Ohne Ruhe ist das Leben ständig plötzlich.

Eine Kerze ist eine schöne Vereinfachung von den Vorgängen, die in uns selber geschehen.
Ob es nun ein Stern ist, ein Glühwürmchen oder ein Scheiterhaufen. Dieser Gedanke ist unsterblich. Er wird durch das Leben selber in das Bewußtsein gehoben. 

Pyramiden

Wir staunen heute über den Pyramidenbau, weil kein Pharao als Steinmetz geeignet war. Sie waren sogar so unsicher über ihre Schlauheit, dass man auf die Wände schrieb, was sie tot tun sollten, um weiter leben zu können. Und weil die Ägypter so schlau waren wie wir, haben sie erst nach vielen Tausend Jahren eingesehen, dass diese Baustellen keine Grundlage für einen Staat sein können. Denn das Land war abgeholzt und verwirtschaftet. Klar, es kamen dann die Seuchen und Krisen.

Vereinfachung

In der Not schrieb man dann das Wesentliche auf etwas Papyrus, rollte es zusammen und legte es in einen Schrank, woraus dann vorgelesen wurde. Der rechte Weg ins Paradies wurde bekannt gemacht. Ein kleiner Tempel reichte da schon. Aber selbst dieses ewige Opfertier war schließlich zu teuer und man feierte den Verzicht als moralischen Sieg. Diese Entwicklung war alles sehr zum Ärger der Pyramidenbaufachleute und der Opfertier-Viehzüchter gewesen.

Eingott

Es gab also damals nach diesen Seuchen dieses Volk mit nur noch einem Gott. Einerseits war es billiger keine Pyramiden herzustellen. Doch wollten jetzt alle unsterblich und wie ein Pharao sein und dabei die Seele rein halten. Scheinheiligkeit ist meistens teuer, wenn andere niedere Arbeiten tun sollen, die sich ebenfalls als göttlich sehen: ein Gerangel und Gestichel also. 

Einbildung

Das Geschacher um die frömmsten Plätze und die Unmöglichkeit ein reines Leben zu führen, das würdig wäre, von einem Gott aufgenommen zur werden, hat man vor 2000 Jahren bemerkt. Und so fand man eine noch günstigere Variante: Nicht mehr Reichtümer, sondern einfach nur nett und menschlich sein, sollte ausreichen für die Unsterblichkeit im Himmel. Damit jeder in die Vergünstigung des Himmels kommen konnte, sollte ein Opfer für alle anderen reichen unter der Bedingung, das man daran glaubt. 

Kinder des Olymp

Das war vorerst schlau gedacht und löste bald auch einige finanzielle Probleme des Römischen Reiches. Weil gerade die Sklaven es gut fanden, ohne Rücksicht auf Hunger sich wieder dem 'Kindermachen' hingeben zu können. Es gab ihnen das moralische Recht, Kinder in eine schreckliche Zukunft zu entlassen. Zuerst wurden die Kinderlein ja alle aufgekauft. Das brachte dem Römischen Reich eine Menge Devisen und man erhob diese naive Einstellung zur Staatsreligion für die 'nach dem ewigen Leben trachtenden Kindermacher'. Diese Kindermachreligion war billiger als fremde Völker zu überfallen. Dass man aber mit einem Kindergarten keinen römischen Staat finanzieren kann, vor allem, wenn bald alle genug eigene Kinder im Garten haben und keiner fremde Gören dazukaufen will, war abzusehen.  
Während die ungetauften Heiden auf seltsame Weise nur 2-3 Kinder hatten und als Sklaven gar keine, bekamen die getauften 7 bis über 10 und bis zum Umfallen. Damit ließen sich fortan Kriege führen, Ländereien bewirtschaften. Besonderer Nachteil war, dass diese Kindermacher ein geistiges Oberhaupt wollten und es gab bald Drei davon. Alle Untersekten und Orden zusammengezählt,  sollte dieser demokratische Pharaonenkultersatz als Unsterblichkeitsfantasie bald zum verwahrlosten Gemetzel aller Meinungen und Zeiten führen.
Leider kam dann noch die Pest dazu und man brauchte unbedingt mehr Menschen für die Ländereien. So kam das Wissen um die Kinderregelung auf den Scheiterhaufen und der Bauern-Bestand füllte sich wieder.
Mit dem Beginn der Industrialisierung wußte niemand mehr, wie das mit dem Kinderregeln funktioniert. So waren endlich genug Gören vorhanden, um Kinder massenhaft für alles Mögliche einzusetzen. Nur der mögliche Nutzen als Soldaten führte schließlich zum Verbot der Kinderarbeit und zur Schulpflicht.

Vom Thron gestoßen

Als man dann auch einsah, nicht ewig Leben zu können und es womöglich keinen Platz an der Sonne gibt,  entstand eine Wendung. Denn wenn man selber nur Teil der Evolution ist und nicht ewig leben kann, dann sollte es ein Staat, eine Ordnung, das gebündelte Volk sein oder Ideologien. Die Frage war, was ist der Wert eines Menschen.

Suche nach dem großen Einen

Man sprach nun diesen Ideologien den Wert des Ewig Richtigen zu mit der Lizenz zur Unsterblichkeit und Berechtigung zum Töten. Für die großen Ordnungsprinzipien waren die meisten Menschen bereit sich zu opfern. Diese Schwäche gibt es in allen Kulturen und man muss es als menschlich bezeichnen. Dabei sein zu können reicht aus. Davon abgesehen erkennt man den Wunsch nach Unsterblichkeit in der Symbolik eines Tausendjährigen Reiches.
So hat sich der Pharaonenkult letztlich sogar in den Wäldern und Tundren des Nordens durchgesetzt. Der Trick: Durch die Liebe zu dem Einen als Held zur Unsterblichkeit gelangen.

Ersatz des Kultes

Nun nach dem Zusammenstoss der 'wahren Ideologien' hatte man etwas zum Essen gebraucht. Man beschloss die Lebenszeit für den Wirtschaftsaufschwung zu verwenden. Das ist eine erhebliche Wendung, eine Rückbesinnung auf das Unmittelbare. Das Wirtschaften als Pyramidenbauersatz? Und siehe da, es gab ein Wirtschaftswunder. Ungezügeltes reich werden kam in Mode. Popstars wurden erschaffen.

Und man erklärte das Wirtschaftswachstum zum Selbstzweck und finanzierte es aus Krediten, weil es so süß war wie Schokolade. Wir glaubten an die Unsterblichkeit des Wirtschaftswachstums vor allem, weil es lebensverlängernd war.

Die moderne Wüste

Plötzlich wird es eng auf dieser Erdkugel. Wir wollen sogar Kohlendioxid, das wichtigste Nahrungsmittel unserer Pflanzen, in der Erde verpressen und dann zum Mars fliegen. Zwei Drittel von Kohlendioxid besteht aus unserem Sauerstoff, den wir zum Atmen brauchen. Also gibt es echte Scherzbolde oder mittelalterliche Wunderheiler unter den Wissenschaftlern. Sie wollen unsere Atemluft mit Kohlenstoff gebunden als CO2 in die Erde pressen. Und die Marstechnik rettet uns bestimmt. Da sage mir einer noch, wir seien heutzutage nicht abergläubig. Das ähnelt sehr an die Situation als man aus Ägypten wegzog, um mit einer neuen Religion besser leben zu können. Nach dem Tanz um das goldene Kalb, sagen wir mal Wirtschaftswachstum dazu, war und wird es sinnvoll sein das Wichtigste in 10 Regeln aufzulisten. Z.B. 'Die Erde ist rund und klein, komme damit klar'.
Stelle ich ein Radio an, reisst der Strom an Katastrophenmeldungen nicht ab. Ich darf das hier eigentlich nicht schreiben, denn ich müßte rund um die Uhr trauern, mich fürchten, zittern und bangen. 

Apps

Und heute hoffen viele 'irgendwann wird es mal ein App geben, und dann werden alle Wünsche wahr'. 

Für diese Appjünger empfehle ich etwas, was schon oft funktionierte: Es ist die 'Turmbau zu Babel'- oder die Hamsterrad - App. Man kann dort Punkte sammeln für z. B. 'Kindergarten bestanden' oder für 'habe 10 000 Fans' oder 'mit 500 Gleichgesinnten diskutiert', 'gemeinsame Strategie entwickelt'. Ganz wie im alten Rom. 
Das verwenden der Apps sieht auch besser aus, als würde man einen großen Stein einen Berg hochrollen, um ihn dann auf das eigene Auto wieder herunterrollen zu lassen. Es ist gut zur Vermeidung der Folgen eines Sisyphossyndroms, diese ausgebrannt sein - ihr wisst schon.
Von diesem Hamsterrad-App gibt es sicher bereits 10 000, und man kann sie als Allcoachsystem-App zusammenfügen.

Ein gutes anderes App ist die 'Mußt du nicht traurig sein' App. Dort gibt man eine Katastrophe ein. Z. B. 1 000 Tote nach Regenfall in 'HamsterRadstadt'. Und wenn man auf einen Knopf tippt, kommt die Meldung: Musst du nicht traurig sein. Weil Wachstum der Weltbevölkerung steigt weiter rasant.
Dann kann man z.B. die Katastrophe 'Weltbevölkerung steigt rasant an' eingeben und auf den Knopf tippen:
Musst du nicht traurig sein, die Sintflut kommt desto schneller.'
Das beruhigt.

Bescheidenheit

Wenn es selbst Pharaonen nicht geschafft haben, sich vor der musealen zur Schau Stellung des Scheiterns zu bewahren, dann sollte uns klar werden, dass die Unsterblichkeit kein lebensbejahendes Ziel sein kann. Weder als Religion der ewigen Baustelle, noch als allumfassende Ideologie des Guten Zwecks. Was wäre, wenn die Menschheit noch ein Vielfaches von 100 000 Jahre überleben könnte, wenn wir unsere Sterblichkeit annehmen würden? 

Nun zur Wintersonnenwende dürfen wir genießen, dass alles ein Ende und etwas anderes einen Anfang hat. 

mw/   




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