Donnerstag, Juli 29, 2010

Der Goldene Bärfür denbesten Film der 60. Berlinale wurde dem türkischen Film „Bal“ (Honig) verliehen. Der Regisseur Semih Kaplanoglu fühlte sich natürlich sehr geehrt und war der Meinung, dass diese Ehrung wohl zum Teil seiner ganzen Trilogie „Ei“, „Milch“, „Honig“ gelte. „Honig“ handelt vom Leben eines Imkers und seines kleinen Sohnes im gebirgigen Teil Anatoliens und verzauberte die Jury mit zwei wundervollen Hauptdarstellern und vor allem mit fantastischen Landschaftsbildern. Der glückliche Kaplanoglu erzählte während seiner Dankesrede, dass ihm schon während der Dreharbeiten ein Bär auf Honigsuche über den Weg lief, der nun als goldener Bär zu ihm zurückgekehrt sei. Er nutzte die Gelegenheit außerdem auf die drohende Vernichtung der wunderbaren Landschaft hinzuweisen, die durch die Errichtung von Wasserkraftwerken droht.

Die Überraschung unter den Entscheidungen der Jury war der silberne Bär für die beste Regie, der an Roman Polanski für seinen Film „Der Ghostwriter“ ging. „Der Ghostwriter“ wurde allgemein als handwerklich perfekter und unterhaltsamer Politthriller angesehen, dem jedoch das besondere Element fehle, das einen Festivalgewinner auszeichnet. So liegen Vermutungen nicht fern, dass der Jurypräsident Werner Herzog hier eine Art „Solidaritätsbären“ für seinen alten Regisseurskollegen durchdrückte. Werner Herzog schien die Jury sowieso gut im Griff zu haben, lobte er doch überschwänglich ihre „klasse Zusammenstellung“ und die „Schnelligkeit“ der Beschlüsse.

Drei silberne Bärenauf einmal erhielt der russische Film „Kak ya provyol etim letom“(How I Ended This Summer).Grigori Dobrygin und Sergei Puskepalisbekamen jeder einen Bären als beste Darsteller und für eine herausragende künstlerische Leistung bekam zudem der Kameramann Pavel Kostomarov den silbernen Petz.

Die beste weibliche Darstellerin war nach Meinung der Jury Shinoobu Terajima im japanischen Nachkriegsdrama Caterpillar“, das beste Drehbuch schrieben Wang Quan´an und Na Jin für den chinesischen Film „Tuan Juan“(Apart Together).

Den großen Preis der Jury, den silbernen Bären in der Sparte bester Film, bekam das rumänische Jugenddrama „Eu cand vreau sa fluier, fluier“(When I Want To Whistle, I Whistle) des Regisseurs und Autors Florin Serban.

Alles in allem

war die sechzigste Berlinale eine harmonische Jubiläumsveranstaltung ohne große Überraschungen und ohne Skandale, dafür aber hoher Qualität, und das ist doch auch mal schön.

Die gläsernen Bären !!

Einen Tag vor ihren kostbaren Brüdern aus Gold und Silber werden auf der Berlinale die gläsernen Bären für die besten Kinder- und Jugendfilme verliehen.

In der Jugendkategorie „Generation 14plus“ bekam den gläsernen Bären der Film:

Neukölln Unlimited“von Agostino Imondi und Dietmar Ratsch, Deutschland 2010

Die Begründung der jugendlichen Jury:

„Der Sieger 2010 ist ein mitreißender Film, der jeden einzelnen seiner Zuschauer auf eine magische Weise in seinen Bann zieht. Es ist ein Film zum Lachen, Weinen, Jubeln und Protestieren. Es ist ein Kunstwerk, das das Medium Film absolut zu nutzen weiß. Dieser Film ist eine einzige wunderbare Choreografie, die uns die Worte raubt und uns doch nicht schweigen lässt. Wir danken den Regisseuren für dieses großartige Meisterwerk über das unvorstellbare Leben einer Familie.“

Eine lobende Erwähnung, eine Art zweiter Platz, erhielt:

„Dooman River“ von Zhang Lu, Republik Korea / Frankreich 2009

Dazu die Jury:

„Zum Schluss des Films herrschte Schweigen. Wir waren perplex von der Wucht der Bilder, von der eindringlichen Botschaft und der Stille, die dieser Film beschreibt. Jeder Aspekt des Films will uns wachrütteln, uns auf etwas aufmerksam machen, das in unserer Gesellschaft kaum jemand kennt. Ohne starke Charaktere und Musik schafft es der Film, in der Stille eine Sprache zu entwickeln, die mehr aussagt als jeder verzweifelte Schrei.“

Den gläsernen Bären für den besten Kurzfilm erhielt:

„Az Bad Beporsid“ von Batin Ghobadi, Iran 2009

„Der diesjährige Preisträger schaffte es, uns ohne viele Worte sprachlos zu machen. Mit Bildern, deren Intensität und Härte beispiellos sind, mit einer Geräuschkulisse, die ohne viel Lärm den Rahmen gibt, öffnet uns dieser Film die Tür zu einer Welt, in der das für uns Unvorstellbare zur Normalität gehört. Wir bedanken uns beim Filmteam für ein Kunstwerk, das sowohl im Detail als auch als Ganzes überzeugt.“

Bei den Kurzfilmen wurde lobend erwähnt:

„Ønskebørn“ von Birgitte Stærmose, Dänemark 2009

„Die Lobende Erwähnung geht an einen Film, der das Publikum zwingt, einen Blick in das gealterte Gesicht einer jungen Generation zu werfen, die noch immer unter den Folgen eines längst verdrängten Krieges zu leiden hat. Der Film schafft es durch besondere Inszenierung, seinem Genre die Sachlichkeit zu nehmen und durch seine schonungslose Konfrontation mit den Protagonisten zu fesseln.“

Auch die Filme für das ganz junge Publikum, die im Wettbewerb „Generation Kplus“ die gläsernen Bärchen bekommen, sind jetzt bekannt:

Gläserner Bär für den besten Film: „Shui Yuet Sun Tau“

von Alex Law, Hongkong / China 2009

„In diesem Film verbreitet sich durch eine liebevolle Ausstattung, ein dazu passendes Licht und die gefühlvolle Musik eine besondere Atmosphäre. Die herausragenden Schauspieler haben uns eine berührende Geschichte zweier Brüder auf eindrucksvolle Weise nahe gebracht.“

Natürlich gibt es auch hier einen Film, der den zweiten Platz der lobenden Erwähnung gewonnen hat:

„ This Way of Life“

von Thomas Burstyn, Neuseeland / Kanada 2009

„Ein Fenster in eine wunderbare, andere Welt tut sich auf: Familienglück in freier Natur. Hier zählen Respekt vor dem Leben und Freude am Dasein.“

Unter den Kurzfilmen für Kinder gefiel der Jury am besten:

Gläserner Bär für :„Franswa Sharl“

von Hannah Hillard, Australien 2009

„Eine einnehmend lustige Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht, brachte uns mächtig zum Lachen. Spaß – Non Stop! Für einen Moment vergaßen wir die Welt. Die Schauspieler waren einfach klasse.“

Die lobende Erwähnung gewährte die Jury dem Film:

„Indigo“

von Jack Price, Großbritannien 2009

„In nur 18 Minuten wird eine fantastische und komplexe Geschichte erzählt, die uns auf fesselnde Weise von der besonderen Gabe eines Jungen erzählt.“

Hier ein Danke an MGerlach, der den Artikel zusammengestellt hat und sogar viele Bilder aus dem Pressebereich mir mitgeschickt hat.

PS

Diese Berlinale dürfte dann wohl die Letzte gewesen sein, die die Berliner gerade noch so mitgetragen haben und bei der die Berliner noch irgendwo ein klein wenig Hoffnung hatten, dass es 'ihre' Berlinale ist.

Ich (mw) ärgere mich jedes Jahr. Wirklich jedes mal über die Berlinale, wie unkooperativ sie mit dem normalen Publikum ist. Keiner der Filme hätte den Preis des Berliner Publikums bekommen.
Wem soll hier wieder der Honig um das Maul geschmiert werden?
Genaugenommen, sagt uns dieser Honigfilm garnüscht und ob wir oder die Jury ihn emotional verstehen können bezweifele ich.

Das Pressematerial, was angeboten wird, ist so etwas von undurchsichtig und was das Bild und Videomaterial angeht so unglaublich langweilig und unaufgearbeitet, dass ich mich weigere, völlige belanglose mittelmäßige Portraits hier einzubauen. Wieviel Stunden soll ein Redakteur sich damit beschäftigen die ganzen Copyrightangaben einzubauen.? Ein Grossteil ist dann auch nur noch auf Englisch zu lesen gewesen. Zweisprachigkeit wird man doch wohl noch hinbekommen oder?

Und jedes Jahr muss ich mir auf die Lippen beissen, nirgendwo zu verkünden, dass der Berlinale damit sie aufwacht endlich mal wenigstens für ein Jahr sämtlichste Gelder gestrichen werden müssten. Die Berlinale ist ein elitärer hochgeputschter Insiderverein mit null Außenwirkung.
Die öffentlich rechtlichen Radiosender, die sich seit einem Jahr verändert haben und wirklich Mühe geben, an Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen - mein Lob auch an dieser Stelle, es hat sich was getan - haben sich diesmal auch ins Zeug gelegt, die Berlinale zu unterstützen. Aber werden sie es auch nächstes Jahr tun? Für ein Hampelverein?

Meine Meinung: Abschaffen der Berlinale, Geld streichen, oder komplett die WeltretterBürokraten auswechseln.

Jedenfalls das Konzept 'Lass uns Geld verdienen, indem wir politisch korrekten Honig verschenken ist veraltet. Denn auf der Strasse kommt folgendes an:
Warum muss sich Berlin 70 Jahre nach dem Krieg mit dem Aushängeschild 'Berlinale' immer noch als Offiziersmatratze darbieten? Wer gerne eine Hüpfburg der Weltretter veranstalten möchte, soll das bitte schön selber bezahlen und nicht den Berliner Bären missbrauchen. Sie trampeln auf der Identität vieler Berliner herum. Auf so etwas kann man nicht stolz sein. Solche Entscheidungen sind uns peinlich.

Es ist nicht nur meine Meinung: Auf der Preisverleihung vor dem roten Teppich war ich vor Ort ... - ... mit ca. 150 anderen. Abgestimmt wurde mit den Füßen. Und diese Kulturhoheit besagt, dass keiner da war. Die Stimmung war wie auf einer Schulveranstaltung auf der Tadel und Maßnahmen vorgelesen wurden. Bei der Verkündung blieben die Blicke auf den Boden gerichtet, scharren mit den Schuhen und Blick zum Nachbarn. "Dazu sagn wa janüscht."

Diesmal hat sich die Berlinale noch mal feiern dürfen. Die Diskussion um die Existenzberechtigung der Berlinale wird dann wohl in diesem Jahr beginnen. Denn nochmal 60 Jahre Lobhudelei und Abnickerei wird in Berlin keiner mehr ertragen wollen.

Filmboulevard